Am 09. November fand in München die DeafIT statt, bei der die Scandio auch als Sponsor mit dabei war. Unser Kollege Michi war als Gast vor Ort und hat in diesem Blogpost seine Erfahrungen mit uns geteilt.

Die DeafIT ist eine Konferenz, die speziell auf die Bedürfnisse von Gehörlosen eingeht. Hierbei wird der Vortrag durch Dolmetscher von Lautsprache in Gebärdensprache, und umgekehrt, übersetzt. Des Weiteren wird vorne an der Leinwand ein “Untertitel” angezeigt - per remote sind Leute zugeschaltet, die das Ganze wie ein Wortprotokoll wiedergeben. Wider Erwartens musste ich feststellen, dass es trotz der Fachbegriffe keine bzw. nur sehr geringe Zeitverzögerung zwischen der Übersetzung und dem Vortrag gab. Der Saal war mit ca. 100 Menschen, gehörlos und hörend, gefüllt. Die Themen drehten sich hauptsächlich um IT-Lösungen für Menschen mit Hörbehinderung.

Berufliches Networking mit Sozialen Medien: Chancen & Vorteile für Hörbehinderte

Der Einstieg zum Warmwerden. Kurz gesagt ging es darum, sich mit allen gängigen sozialen Plattformen (Facebook, Instagram, LinkedIn etc.) zu verbinden, um sich als Community gegenseitig zu beraten. Diese Netzwerke können allerdings auch bei der Jobsuche helfen - es gibt Firmen, die gezielt nach Gehörlosen suchen. Dabei geht es nicht darum, die 5% Schwerbehindertenanteil zu erfüllen, sondern man hat festgestellt, dass ein Gehörloser bessere Anwendungen für Gehörlose macht als ein Hörender. Um auf dieses Ergebnis zu kommen muss man nicht Einstein heißen, es hat mir jedoch gezeigt, dass es diese Community gibt und mit ca. 380 Millionen Gehörlosen weltweit ist die potentielle Zielgruppe groß genug um Beachtung zu finden (zum Vergleich: es gibt nur 5,3 Millionen NorwegerInnen).

Die Hacker School: Barrierefreie IT-Begeisterung für alle Kinder?

Im zweiten Vortrag ging es um die Inspiration und Förderung der Begeisterung zum Thema Programmieren bei Kindern. Die Kinder der Zielgruppe sind dabei zwischen 14 und 18 Jahre alt. Dabei bilden immer 2 “ITler” und 10 Kinder eine Gruppe. Die ITler haben ein Projekt, das sie mit den Kindern umsetzen möchten (Projekte mit einem Raspberry Pie scheinen sehr beliebt zu sein). Das Ganze findet an zwei Tagen zu je 5 Stunden statt, von daher sind das natürlich keine riesigen Projekte und die Komplexität hält sich in Grenzen. Besonders positiv möchte ich hervorheben, dass auch die Kinder der Flüchtlingsfamilien integriert werden. Das ist natürlich zum Einen für den Arbeitsmarkt ganz toll, allerdings denke ich, dass die soziale Komponente hier eine entscheidend wichtigere Rolle spielt.

Gamification und KI bei delegs

Die Firma delegs hat sich auf Software für Gebärdensprache spezialisiert, da Gehörlose die Lautsprache nicht oder nur sehr begrenzt wahrnehmen können. Infolgedessen fällt es diesen schwerer Deutsch zu schreiben bzw. zu sprechen. Mit einem dafür entwickelten Editor (Opensource) werden daher z.B. für den Unterricht Vorträge in Gebärdensprache bzw. Gebärdenschrift übersetzt.

In diesem Vortrag wurden die Teilnehmer gefragt, welche Punkte sie persönlich am nützlichsten finden würden:

  • Entwicklung einer App für das Fingeralphabet (Trainingsapp)
  • Automatische Erstellung von Gebärdenbilder anhand von Videos
  • Anonymisieren von Gebärdenvideos (Motion Capturing)
  • Übersetzung einer Model KI - Gebärde in Schrift und umgekehrt

Dazu wurden pro Punkt Konzepte und PoCs (Proof of Concept) vorgestellt. Die technische Herausforderung ist hier ganz klar, dass es “verschlüsselte” Gebärden gibt, die Gebärdenschrift “neu” und sehr kompliziert ist und es auch noch länderspezifische Unterschiede gibt.

Ein Voting hat entschieden, dass für die Mehrheit die Anonymisierung am wichtigsten war.

Von der Idee ins Internet der Dinge in Minuten – in der IBM Cloud!

Bei diesem Vortrag ging es um ein System das Benachrichtigungen verschickt, wenn ein bestimmter Schwellwert erreicht wird. Zum Erfassen der Daten wurde im Vortrag bei der Demo ein Raspberry Pie verwendet. Dieses sendet Daten an ein Backend, welches dann Emails versendet, sobald das vorab eingestellte Ereignis eintritt - im Falle der Demo: eine Temperatur von 22 Grad wurde erreicht. Das Ganze läuft in der IBM Cloud als Container zusammen mit Kubernetes.

HAND TALK - Digitale Übersetzung mit Hugo

Bei Hugo handelt es sich um eine Übersetzungsanwendung, die in Brasilien sehr verbreitet ist. Dabei werden Texte in die brasilianische Gebärdensprache mithilfe eines Avatars namens “Hugo” übersetzt. Dies soll einen barrierefreien Zugang für Gehörlose zum Internet ermöglichen und in Brasilien kommt es offenbar schon bei Bankautomaten zum Einsatz. Die Anwendung lief nicht nur stabil und flüssig - die Bewegungen waren sehr gut zu erkennen. Als Kritik wurde angemerkt, dass der Avatar noch keine wirklichen menschlichen Gesichtszüge zeigt, die quasi als Betonung der Gebärdensprache dient.

Das Ende der Passwort-basierten Authentisierung

Weltweit werden pro Tag 2000 Passwörter gehackt. Ein Sicherheitsexperte stellte ein neues System vor das zeigt, wie man sich z.b. am Rechner einloggt. Der Grund für diese Entwicklung ist, dass weltweit pro Tag 2000 Passwörter gehackt werden. Der Unterschied zu den bisherigen Möglichkeiten ist, dass man eine Anwendung auf dem Smartphone (o.Ä.) benötigt, bei der man das Passwort eingibt (oder Fingerabdruck). Es wird dann ein “Onetime-Password” erstellt, welches dann den Rechner / das System entsperrt. Langfristig ist der Sicherheitsexperte davon überzeugt, dass Passwörter auf kurz oder lang komplett abgelöst werden.

2018: Performance zählt!

Ein Webentwickler zeigte, wie wichtig die Performance in Webanwendungen ist. Wie ich noch aus meiner Studienzeit weiß, bedeutet das z.B. für Amazon eine 1 Sekunde längere Ladezeit, was wiederum einen Verlust von 25% der Kaufkraft bedeutet. Sein Fokus lag hierbei auf Smartphone optimierten Webanwendungen - die Statistik zeigt, dass mit dem Smartphone erstmals mehr Zeit im Internet verbracht wurde als mit dem PC (zumindest in afrikanischen Ländern; hier in Deutschland ist die Tendenz stark steigend). Mithilfe von z.B. Lazy Loading lassen sich die Ladezeiten deutlich reduzieren, weil sich auch gezeigt hat, dass die User kein Problem haben auf die Bilder zu warten, solange die Seite schon mal angezeigt wird.

Gebärdenspracherkennung mit Deep Learning

Mittels Sensoren soll eine KI in der Lage sein, die Hand des Benutzers zu erkennen, um festzustellen, welche Handgeste sie macht und diese abzuspeichern. Extrem komplizierte mathematische Berechnungen erkennen daran dann die Bewegung und deuten daraufhin die Bedeutung der Geste. Die Demonstration, sowie die Geschwindigkeit mit der die Geste erkannt wurde, war beeindruckend. Natürlich hat diese Technologie noch ihre Grenzen, da es z.B. die Gesten einer Kinderhand viel schlechter erkennt als die Gesten der Hand eines Erwachsenen. Jedoch kann man dadurch sehr gut den Trend erkennen und ich bin zuversichtlich, dass in den nächsten Jahren diese Technologie vermehrt zum Einsatz kommen wird.

Fazit

Alles in Allem war es eine sehr gut organisierte, ausgebuchte und interessante Veranstaltung. Einige der Themen waren sehr informativ und technisch sehr spannend. Die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen oder auch nicht hörenden Teilnehmern wurde problemlos ermöglicht. Am Ende der Veranstaltung gab es ein gemeinsames Abendessen und ein Theaterstück von zwei Gehörlosen - natürlich auch hervorragend übersetzt.